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Das Offene Bein (Ulcus cruris) – Diagnostik und Therapie offenes Bein München

Was ist ein Offenes Bein?

Ein Offenes Bein ist ein Geschwür beziehungsweise eine schlecht oder gar nicht heilende oft nässende Wunde, die in der Regel am Unterschenkel, aber auch am Fuß und am Fußknöchel auftritt. Der medizinische Fachbegriff Ulcus Cruris leitet sich aus dem Lateinischen ab und lässt sich mit „Ulcus“ gleich „Geschwür“ und „Cruris“ gleich „Bein“ übersetzen.

Wie entsteht ein Offenes Bein?

Ein Offenes Bein kann unterschiedliche Ursachen haben. Grundsätzlich entsteht es aber immer infolge einer über einen langen Zeitraum bestehende Blutzirkulationsstörung in den Beinen – entweder in den Venen oder den Arterien. In sehr seltenen Fällen auch durch eine Kombination aus venöser und arterieller Störung. Eine Sonderform des Ulcus Crusis ist das sogenannte arthrogene Ulcus: Der medizinische Begriff bedeutet, dass dies Ulcus „gelenkbedingt“ ist. Das heißt, es tritt bei einer Versteifung des oberen Sprunggelenks auf, weil dadurch ein wichtiger Mechanismus zum Rücktransport des Blutes ausgeschaltet wird.

Offenes Bein ulcus dr netzer - Offenes Bein

Ausgeprägte Krampfadern und eine vorangegangene ausgeprägte Thrombose sind die häufigsten Ursachen für eine Blutzirkulationsstörung in den Venen und eine spätere Entstehung eines Offenen Beins.

Je länger die Blutzirkulation gestört ist und das Blut sich in den Venen staut, desto mehr Druck lastet auf den Venenwänden. Nicht abtransportierte Blutabbauprodukte werden zunehmend aus den Krampfadern ins Gewebe gepresst. Es entstehen Ödeme (Flüssigkeitsansammlungen), die Beine schwellen besonders um den Knöchel herum und im Unterschenkel an, die Haut wird dünner und verletzungsanfälliger. Durch eine mangelnde Sauerstoffversorgung heilen auch kleine Wunden nicht mehr ab, Gewebe stirbt ab, Geschwüre bilden sich.

Welche Beschwerden treten auf beim Offenen Bein?

Das Offene Bein als chronisch krankhafter Haut- und Unterhautdefekt im Bereich des Unterschenkels oder Fußes kann klein wie ein Fingernagel oder groß wie eine oder mehrere Handflächen nebeneinander sein. Es gibt die verschiedensten Ausprägungen und Schweregrade, die im Laufe der oft langjährigen Erkrankung immer wieder variieren können. Ein Offenes Bein ist immer mit erheblichen Schmerzen verbunden und die Betroffenen leiden manchmal mehrere Jahrzehnte an diesen Wunden.

Durch die unvermeidliche Keimbesiedelung riechen diese Wunden oft penetrant, und die Betroffenen werden gemieden.

Wie erfolgt die Diagnose beim Offenen Bein?

Zunächst einmal wird das Geschwür (Ulcus) in Augenschein genommen und die umgebende Haut beurteilt. In der Regel erfolgt dann ein Abstrich aus der Wunde, um die besiedelnden Keime und ihre Empfindlichkeit gegen verschiedene Antibiotika zu testen. Im Anschluss werden die zu- und abführenden Blutgefäße – also die Arterien und Venen – per Ultraschall untersucht. In unserem Institut setzen wir als erste niedergelassene Praxis dazu das derzeit modernste hochauflösende Sonografiegerät von ESAOTE ein. Ansonsten ist dies bislang nur in Kliniken verfügbar. Die umfassende Untersuchung wird von Herrn Dr. Netzer selbst vorgenommen. Es entstehen weder zusätzliche Termine noch Wartezeiten.

Mithilfe der Ultraschalluntersuchung lässt sich in der Regel die Ursache des Ulcus lokalisieren und eine entsprechende Therapie planen und umsetzen.

Wie erfolgt die Therapie des Offenen Beins?

Das arterielle Ulcus

Beim arteriellen Ulcus steht die Wiederherstellung der arteriellen Durchblutung im Vordergrund. Es wird versucht, geschlossene Schlagaderabschnitte mittels Katheter wieder frei zu bekommen, falls nötig wird operativ ein Bypass gelegt und die verschlossene Passage so überbrückt. Die arteriellen Ulcera sind seltener und werden meist frühzeitig einer Therapie überführt. Verbände und Anwendungen externer Medikamente können nur geringfügig lindern und eventuell eine Infektion von außen verhindern, heilend wirken sie aber nicht.

 

Das venöse Ulcus

Auch beim venösen Ulcus steht die Beseitigung der Durchblutungsstörung als eigentliche Ursache im Vordergrund. Mit oder ohne Operation wird versucht, den venösen Rückstrom wieder zu verbessern und somit die Grundlage für die Entstehung des Offenen Beins zu behandeln. Als erste Maßnahme und in jedem Fall helfen, korrekt angelegte Kompressionsverbände die oberflächlichen Venen zu komprimieren (zusammenzudrücken) und so den Rückstrom im tieferen Venensystem zu aktivieren. Die Kompressionstherapie ist in der Regel aber nur eine vorübergehende Lösung und mit verhältnismäßig großem Aufwand verbunden. Die Versorgung der eigentlichen Wunde mittels spezieller Verbände kann niemals alleine zur dauerhaften Abheilung führen und ist daher eher von nachrangiger Bedeutung. Langfristig hilft nur eine Therapie, die für eine tatsächliche Entstauung der betroffenen Venen sorgt. Dies kann manchmal durch eine einfache Schaumverödung erfolgen oder durch entsprechende minimal-invasive chirurgische Katheterverfahren wie Radiofrequenz oder Heißdampf.

 

Shaving-Verfahren

Ist die eigentliche arterielle oder venöse Ursache des Offenen Beins beseitigt, lässt sich das Hautgeschwür oft sogar in der gleichen Behandlungssitzung einfach und effizient mit einem sogenannten „Shaving“ behandeln. Beim Shaving wird die oberflächliche Hautbedeckung des Offenen Beins mit einem speziellen Hauthobel (Dermatom) in einer dünnen Schicht abgetragen. Auf das nunmehr frisch blutende, saubere Gewebe wird sogenannte „Spalthaut“ wie ein Netz gelegt. Ein Drittel Millimeter dünn wird die Spalthaut mit dem Dermatom (Hauthobel) an anderer Stelle – zum Beispiel am Oberschenkel abgetragen und mittels einer Messerwalze zu einem Netz („Mesh“) geschnitten. Das feine Hautnetz wird als „Meshgraft“ bezeichnet. Fixiert auf dem Offenen Bein wächst es als „neue“ Haut an.

 

Behandlung mit Eigenblut (PRP)

Bei weniger gravierenden Fällen, wird das Ulkus (ebenfalls während der Venen-Operation) gereinigt und im Anschluss aus Patientenblut gewonnenes „Platelet Rich Plasma“ (PRP) flüssig aufgetragen und unter das Ulkus gespritzt. PRP wird durch Zentrifugieren des Patientenbluts gewonnen: es enthält sehr viele Blutplättchen (Thrombozyten, „Platelets“), welche verschiedene Wundheilungsstoffe in hoher Konzentration enthalten.

Das Verfahren wird in vielen Bereichen der Medizin angewendet: zum Beispiel bei Arthrosen und als „Vampir-Lifting“ in der ästhetischen Medizin. Wir setzen es ein, um die Wundheilung und die Neubildung gesunden Bindegewebes unter dem Ulkus zu erreichen.

Ebenfalls mit dem Ziel, die durch das Absterben von Zellen in der Entstehungsphase des Ulkus eingetretene viel zu dünne „Unterpolsterung“ des Ulkus-Grunds wieder aufzubauen, wenden wir oft den „Lipotransfer“ ein. Dazu werden (z.T. immer noch in ein- und derselben OP) Fettzellen durch eine schonende Mini-Fettabsaugung an anderer Körperstelle gewonnen und zwischen Knochen, Muskelfaszie und das Ulkus injiziert. Dort bildet sie neues Fettgewebe aus.

Durch die Schaffung von neuem Binde- und Fettgewebe unter dem Ulkus wird zum einen dessen Abheilung massiv verbessert, zum anderen bewirkt dieses natürliche, weiche Polster eine stark reduzierte Neigung zum neuerlichen Auftreten eines Offenen Beins – etwa durch Bagatellverletzungen.